Eine aktuelle in Lancet Respiratory Medicine veröffentlichte Studie zeigt, dass die Off-Label-Verschreibung eines gängigen Antidepressivums (Mirtazapin) die chronische Atemnot bei Patienten und Patientinnen mit Lungenerkrankungen nicht lindern kann – und möglicherweise Nebenwirkungen verursacht.
Ein internationales Forschungskonsortium unter der Leitung von King’s College London und Mitwirkung des Zentrums für Palliativmedizin der Uniklinik Köln, Krankenhaus Bethanien und der LMU München warnt davor, Medikamente für einen nicht zugelassenen Anwendungsbereich ohne ausreichende Evidenz zu verschreiben, da dies die Situation der Patienten möglicherweise verschlechtert, auch wenn der verschreibende Arzt eigentlich helfen will.
Die Ergebnisse unterstreichen den dringenden Bedarf an Medikamenten zur symptomatischen Linderung schwerer Atemnot. In Deutschland und in den meisten anderen Ländern gibt es keine zugelassenen Arzneimittel, die Atemnot lindern, wenn die Behandlung der Grunderkrankung nicht ausreichend zu einer Kontrolle der Atemnot führt. Die durch chronische Lungenerkrankungen verursachte schwere Atemnot beeinträchtigt die Lebensqualität der Patienten stark, stellt erhebliche klinische Herausforderungen dar und verursacht hohe Gesundheitskosten. Die meisten Patienten mit diesen Erkrankungen haben nur wenige Behandlungsoptionen zur Linderung ihrer Symptome.
Chronische Lungenerkrankungen betreffen weltweit 454,6 Millionen Menschen, und es wird erwartet, dass diese Zahl mit einer alternden Bevölkerung weiter ansteigen wird. Weltweit leiden über 217 Millionen Menschen an chronisch obstruktiver Lungenerkrankung (COPD) oder interstitieller Lungenerkrankung (ILD), die beide im fortgeschrittenen Stadium schwere Atemnot verursachen können.
Parallel zur Veröffentlichung der Plazebo-kontrollierten Studie im Lancet Respiratory Medicine erscheinen die neusten Empfehlungen des internationalen Konsortiums unter der Federführung von Prof. Dr. Steffen Simon und Dr. Anne Pralong von der Uniklinik Köln zur symptomatischen Linderung von chronischer Atemnot bei Patienten mit lebenslimitierenden Grunderkrankungen wie Krebs, COPD oder ILD. Diese Empfehlungen betonen insbesondere den hohen Nutzen und die schnelle Wirksamkeit von nicht-pharmakologischen Therapieoptionen, wie Atemübungen (z.B. die Lippenbremse), Handventilator oder Gehhilfen, um besser mit der belastenden Atemnot im Alltag umgehen zu können. Medikamentöse Therapiemöglichkeiten sind sehr begrenzt. Die einzige Option ist die niedrige dosierte Gabe von Opioiden (z.B. Morphin), die in einigen Studien einen positiven Effekt zeigten. Aber auch für diese Medikamentengruppe gibt es in Deutschland zur Linderung von Atemnot keine Zulassung (off-label), so dass die Anwendung nur nach guter Abwägung zwischen Nutzen und potentiellen Schaden erfolgen sollte.
Köln ist eines von drei deutschen teilnehmenden Zentren – Mitinitiator und Studienleiter Prof. Dr. Steffen Simon des Zentrums für Palliativmedizin der Uniklinik Köln erklärt: „Atemnot ist ein sehr belastendes Symptom vor allem bei Lungenerkrankungen, Herzkrankheiten und Krebserkrankungen und führt häufig zu Angst und Panik und schränkt die Lebensqualität der Betroffenen stark ein. In der klinischen Versorgung müssen wir immer wieder ganz individuelle Behandlungsmöglichkeiten finden, um dem atemnötigen Patienten das Leben etwas leichter zu machen. Deshalb ist die Forschung und Neuentwicklung von wirksamen Therapieoptionen so wichtig.“ Die Ärztin und wissenschaftliche Mitarbeiterin Dr. Anne Pralong, die zusammen mit Prof. Simon die Entwicklung der internationalen Empfehlungen koordiniert hat, betont: „Die nicht-medikamentösen Therapieangebote werden häufig noch zu wenig angewendet, werden aber von den Patienten gut angenommen, da sie ihren Alltag auch mit schwerer Atemnot deutlich erleichtern. Hier braucht es noch mehr Aufklärung und Information für die Behandler, damit sie ihre atemnötigen Patienten gut schulen und hilfreich unterstützen können.“
Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass weitere Studien zu potenziellen Therapien für schwere Atemnot notwendig sind. In der Zwischenzeit empfehlen sie den frühzeitigen Einsatz von nicht-pharmakologischen Maßnahmen.
Originalpublikation:
https://www.thelancet.com/journals/lanres/article/PIIS2213-2600(24)00187-5/fulltext
DOI: 10.1016/S2213-2600(24)00187-5
Internationale Empfehlung:
https://journals.sagepub.com/doi/abs/10.1177/02692163241270945
DOI: 10.1177/02692163241270945
Finanzierungsinformationen:
Dieses Projekt erhielt finanzielle Unterstützung aus dem Forschungs- und Innovationsprogramm Horizon 2020 der Europäischen Union im Rahmen des Fördervertrags Nr. 825319. Weitere Unterstützung kam vom Breathlessness-Programm der Cicely Saunders International (Registered Charity No. 1087195) und dem National Institute for Health Research (NIHR), South London Applied Research Collaboration.
